Peak Shaving erklärt: Wie Unternehmen Stromkosten senken
Es gibt eine Stelle auf der Stromrechnung, die die meisten Gewerbetreibenden nicht wirklich verstehen – und die sie trotzdem jedes Jahr viel Geld kostet: den Leistungspreis. Und genau hier liegt eine der interessantesten Anwendungen für Batteriespeicher: das Peak Shaving.
Während ich meinen eigenen netzgekoppelten Speicher primär für den Regelenergiemarkt plane, kenne ich viele Unternehmer die einen Speicher im Betrieb einsetzen wollen – und für die ist Peak Shaving oft das entscheidende wirtschaftliche Argument. In diesem Artikel erkläre ich, wie es funktioniert, was es bringt – und für wen es sich wirklich lohnt.
Das Problem: Was ist der Leistungspreis?
Strom kostet nicht nur pro verbrauchter Kilowattstunde – er kostet auch pro Kilowatt maximaler Leistung die du aus dem Netz ziehst. Das ist der Leistungspreis, auch Leistungskomponente der Netzentgelte genannt.
Wie er berechnet wird: Dein Netzbetreiber misst über das gesamte Jahr die höchste Leistung die du in einem einzigen 15-Minuten-Intervall aus dem Netz gezogen hast. Dieser eine Spitzenwert bestimmt deinen Leistungspreis für das gesamte Folgejahr.
Das Perfide daran: Eine einzige kurze Lastspitze reicht aus – egal ob sie 15 Minuten oder einen ganzen Tag dauert. Wer im Juni für eine Viertelstunde 500 kW benötigt weil drei Maschinen gleichzeitig anlaufen, zahlt für diese 500 kW das gesamte Folgejahr über den vollen Leistungspreis.
Aktuelle Leistungspreise in Deutschland liegen je nach Netzbetreiber und Netzebene bei 80 bis 150 Euro pro kW und Jahr. Das klingt erstmal überschaubar – aber bei einer Lastspitze von 300 kW bedeutet das 24.000 bis 45.000 Euro jährlich. Allein für einen einzigen kurzen Peak.
Eine Lastspitze ist wie eine Geschwindigkeitsmessung: Einmal zu schnell, und du zahlst das ganze Jahr. Nur dass du beim Strom nicht mal einen Einspruch einlegen kannst.
Martin Gertin
Wie Peak Shaving funktioniert
Peak Shaving bedeutet wörtlich: Lastspitzen kappen. Ein Batteriespeicher übernimmt dabei die Rolle des Puffers zwischen dem Netz und deinem Betrieb.
So läuft es in der Praxis ab:
1. Überwachung in Echtzeit: Ein Energiemanagementsystem (EMS) misst sekündlich die aktuelle Last am Netzverknüpfungspunkt – also wie viel Strom der Betrieb gerade aus dem Netz zieht.
2. Erkennung der drohenden Spitze: Sobald die Last einen definierten Schwellenwert zu überschreiten droht – zum Beispiel 400 kW – schlägt das EMS Alarm. Nicht erst wenn die Spitze da ist, sondern davor.
3. Automatische Entladung: Der Batteriespeicher springt automatisch ein und liefert die fehlende Leistung. Das Netz sieht weiterhin nur den Schwellenwert – die Spitze wird gekappt.
4. Wiederaufladen: In ruhigen Phasen mit niedriger Last lädt der Speicher wieder auf – bereit für die nächste Spitze.
Das gesamte Verfahren läuft vollautomatisch, ohne dass jemand eingreifen muss. Moderne EMS-Systeme sind präzise genug um auch kurze 15-Minuten-Peaks zuverlässig zu verhindern.
Konkretes Rechenbeispiel
Nehmen wir ein mittelständisches Produktionsunternehmen als Beispiel:
Ausgangssituation:
Jahreshöchstlast: 500 kW (einmalige Spitze im März, 15 Minuten)
Normallast: 280–320 kW
Leistungspreis: 120 €/kW/Jahr
Jährliche Leistungskosten: 500 kW × 120 € = 60.000 €
Mit Peak Shaving:
Ziel-Schwellenwert: 350 kW
Benötigte Speicherleistung: 150 kW
Neue Leistungskosten: 350 kW × 120 € = 42.000 €
Jährliche Einsparung: 18.000 €
Bei einem Batteriespeicher mit 150 kW Leistung und 300 kWh Kapazität (Systemkosten rund 120.000–150.000 €) ergibt sich eine Amortisationszeit von 7–8 Jahren allein durch Peak Shaving. Kombiniert mit Eigenverbrauchsoptimierung oder Arbitrage-Erlösen kann sich das auf 3–5 Jahre verkürzen – wie Praxisprojekte in Deutschland zeigen.
Bei größeren Lastspitzen sind die Zahlen noch eindrucksvoller: Bei einer Spitze von 1.800 kW und 150 €/kW entstehen allein 270.000 Euro Leistungskosten pro Jahr. Schon eine Reduktion um 20 % spart 54.000 Euro jährlich.
Die 2.500-Stunden-Regelung: der Bonus obendrauf
Wer Peak Shaving betreibt, profitiert oft von einem zusätzlichen regulatorischen Vorteil: der 2.500-Stunden-Regelung nach § 19 StromNEV.
Was das bedeutet: Wenn dein jährlicher Stromverbrauch geteilt durch deine Jahreshöchstlast mehr als 2.500 Stunden ergibt, hast du Anspruch auf ein reduziertes Netzentgelt. Unternehmen mit konstantem, hohem Strombezug werden damit belohnt – Betriebe mit starken Lastspitzen benachteiligt.
Hier kommt Peak Shaving ins Spiel: Wer seine Lastspitze senkt, erhöht rechnerisch die Benutzungsdauer – und überschreitet damit möglicherweise die 2.500-Stunden-Marke. Das erschließt zusätzliche Netzentgelteinsparungen on top.
Dazu kommt die Netzentgeltbefreiung nach § 118 Abs. 6 EnWG: Speicher die bis zum 3. August 2029 in Betrieb gehen, sind 20 Jahre lang von Netzentgelten auf den Bezugsstrom befreit. Das spart rund 9 Cent pro kWh auf jede aus dem Netz geladene Kilowattstunde – ein erheblicher Vorteil für die Wirtschaftlichkeitsrechnung. Wer einen Gewerbspeicher plant, sollte diese Frist im Blick behalten.
Für wen lohnt sich Peak Shaving?
Peak Shaving rechnet sich nicht für jeden. Die entscheidenden Faktoren:
✅ Gut geeignet, wenn:
- Du ein RLM-Kunde bist (Registrierende Leistungsmessung) – das gilt ab etwa 100.000 kWh Jahresverbrauch
- Deine Lastspitzen deutlich über deiner Normallast liegen – ein gleichmäßiges Lastprofil ohne Spitzen bringt wenig
- Du in einem Netzgebiet mit hohem Leistungspreis (über 100 €/kW/Jahr) sitzt
- Du Produktionsmaschinen, Kälteanlagen oder Ladesäulen betreibst, die kurze Spitzen erzeugen
- Dein Betrieb Schichtarbeit oder unregelmäßige Lastprofile hat
❌ Weniger geeignet, wenn:
- Du ein SLP-Kunde (Standardlastprofil) bist – kein Leistungspreis, kein Einsparpotenzial
- Dein Lastprofil bereits sehr konstant ist ohne nennenswerte Spitzen
- Dein Leistungspreis unter 60 €/kW/Jahr liegt – dann sind die Amortisationszeiten zu lang
Branchen mit besonders hohem Peak-Shaving-Potenzial: Lebensmittelproduktion, Metallverarbeitung, Rechenzentren, Logistikzentren, Krankenhäuser, Einkaufszentren – überall dort wo Lastspitzen durch gleichzeitiges Anlaufen von Anlagen entstehen.
Kombination mit anderen Erlösquellen
Peak Shaving alleine ist gut. In Kombination mit anderen Erlösquellen wird es sehr attraktiv.
Peak Shaving + Eigenverbrauchsoptimierung: Der Speicher lädt günstigen Solarstrom und entlädt ihn wenn teurer Netzstrom gebraucht wird – und kappt dabei automatisch Lastspitzen. Beide Effekte nutzen dieselbe Hardware.
Peak Shaving + Spotmarkt-Arbitrage: In Stunden ohne drohende Lastspitzen kauft der Speicher günstigen Börsenstrom und verkauft ihn teuer. Das maximiert die Auslastung des Systems.
Peak Shaving + atypische Netznutzung: Wer seinen Bezug in bestimmten Hochlastzeitfenstern des Netzbetreibers (HLZF) senkt, bekommt zusätzliche Netzentgeltrabatte. Ein gut konfiguriertes EMS erkennt diese Zeitfenster automatisch.
In der Praxis spart ein gut dimensionierter Gewerbespeicher durch die Kombination aller drei Effekte in vielen Fällen 10 bis 20 Prozent der gesamten Energiekosten eines Betriebs.
Fazit
Peak Shaving ist einer der am meisten unterschätzten Anwendungsfälle für Batteriespeicher in Deutschland. Während alle über FCR und Spotmarkt reden, sparen tausende Gewerbebetriebe still und leise über ihren Leistungspreis – mit Amortisationszeiten von 3 bis 5 Jahren in guten Konstellationen.
Wenn du Gewerbe- oder Industriekunde bist, einen RLM-Zähler hast und regelmäßig kurze Lastspitzen produzierst: Lass dein Lastprofil analysieren. Viele Anbieter machen das kostenlos. Die Zahlen könnten dich überraschen.
FAQ – Häufige Fragen zu Peak Shaving
Was kostet ein Peak-Shaving-Speicher?
Das hängt von der benötigten Leistung und Kapazität ab. Ein typischer Gewerbespeicher für Peak Shaving liegt bei 100–500 kW Leistung und 200–1.000 kWh Kapazität. Die Systemkosten vollinstalliert liegen 2026 bei rund 250–500 €/kWh. Für eine genaue Wirtschaftlichkeitsrechnung braucht es eine Lastprofilanalyse.
Muss ich RLM-Kunde sein um von Peak Shaving zu profitieren?
Ja. Der Leistungspreis wird nur bei RLM-Kunden (Registrierende Leistungsmessung) abgerechnet. Das gilt typischerweise ab 100.000 kWh Jahresverbrauch. SLP-Kunden mit Standardlastprofil zahlen keinen separaten Leistungspreis und profitieren daher nicht von Peak Shaving.
Wie hoch ist der Leistungspreis in Deutschland?
Der Leistungspreis variiert je nach Netzbetreiber und Netzebene. Aktuelle Werte 2026 liegen typischerweise zwischen 80 und 150 Euro pro kW und Jahr. Einige Netzgebiete liegen auch darüber. Den genauen Wert findest du in der Preisliste deines Netzbetreibers.
Was ist die 2.500-Stunden-Regelung?
Ab einer Benutzungsdauer von mehr als 2.500 Stunden (Jahresverbrauch in kWh ÷ Jahreshöchstlast in kW) haben Unternehmen Anspruch auf ein reduziertes Netzentgelt nach § 19 StromNEV. Peak Shaving kann die Benutzungsdauer rechnerisch erhöhen und damit den Zugang zu diesem Vorteil ermöglichen oder verbessern.
Bis wann muss ein Speicher in Betrieb gehen um die Netzentgeltbefreiung zu nutzen?
Die Netzentgeltbefreiung nach § 118 Abs. 6 EnWG gilt für Speicher, die bis zum 3. August 2029 in Betrieb gehen. Sie befreit den Bezugsstrom für den Speicher 20 Jahre lang von Netzentgelten – rund 9 Cent pro kWh Einsparung. Wer einen Speicher plant, sollte diese Frist einkalkulieren.